von Mathi am 25.12.2008, 07:57
Mit Helmut Zöpfl durchs Jahr – Weihnachten
Frau Sagerer war zum Briefkasten gegangen und hatte die übliche Post herausgenommen. Eine Unmenge von Reklamesendungen, Telefonrechnungen, die Arztrechnung, die Rechnung von Installateur. Sie seufzte auf.
Da entdeckte sie noch einen Brief mit einer fremden Briefmarke. Gespannt riss sie ihn auf und überflog die Zeilen.
„Mein Gott“, rief sie, „da werden sich mein Mann und die Kinder aber freuen.“
Sie eilte zum Telefon und wählte die Nummer ihres Mannes. „Stell dir vor“, rief sie, „wir haben Post bekommen. Du wirst es nicht glauben, ER kommt, ER kommt endlich.“
Als die Kinder aus der Schule zurückkamen, hielt sie ihnen sogleich den Brief hin. „was meint ihr, was los ist? Schaut her, was sagt ihr jetzt? ER kommt auf Weihnachten.
Das wird ein wunderschönes Fest werden, wenn wir Ihn endlich sehen.“
Die Kinder stießen einen Freudenschrei aus. Sie hatten schon so viel von Ihm gehört. Endlich hätten sie also Gelegenheit, Ihn kennenzulernen. In vier Wochen wäre es soweit. Abends setzten sie sich zusammen und machten einen Plan. „Wir müssen alles sorgfältig vorbereiten“, meinte Herr Sagerer, „vier Wochen sind zwar noch eine Menge Zeit,
aber ihr wisst ja selber, was es noch zu tun gibt.“
Als erstes beschlossen sie, die Wohnung gründlich zu renovieren. Mit Mühe gelang es ihnen noch einen Maler und einen Tapezierer zu finden. Eine ganz neue und teure Tapete leisteten sie sich zu Ehren ihres Besuches.
Nach einer Woche erstrahlte die Wohnung in neuem Glanz.
„Wir brauchen aber auch einen neuen Fernsehapparat“, meinte Martin, der Sohn. „Stellt euch vor, wenn er fernsehen will. Und wir bringen nur die paar Kanäle herein.“
„Und eine Musikanlage“, ergänzte Sabine. „Wir haben ja nicht mal einen CD-Player. Schaut her“, sagte sie, „ich habe für Ihn eine ganze Reihe neue CDs gekauft.“
„Zeig mal“, sagte Martin. „Oh Gott, du mit deinen altmodischen Musikvorstellungen!“
Sie gerieten sich ein wenig in die Haare, was man wohl spielen könne, wenn Er da wäre. Martin kündigte an, er wolle auch noch CDs nach seinem Geschmack beschaffen. So beschloss man also den Ankauf eines neuen Fernsehers und einer neuen Musikanlage.
„Du“, meinte Frau Sagerer eines Abends verschmät zu ihrem Mann, „ich glaub`, ich brauch`wieder Geld. Schau mal in meinen Kleiderschrank,
ich kann doch nicht die alten Klamotten anziehen.“
„Daran habe ich auch schon gedacht“, stimmte ihr Mann zu. „Morgen ist verkaufsoffener Samstag, da gehen wir mal zum Einkaufen. Übrigens sollten sich Sabine und Martin auch neu einkleiden. Die beiden können unmöglich in alten Jeans unseren Besuch empfangen.“
Voll bepackt kamen sie am darauffolgenden Samstag nach Hause. Sie hatten neue Vorhänge und sogar ein neues Sofa. Die Zeit wurde immer knapper, und es galt ja noch den Abend vorzubereiten. Lange hatten sie darüber diskutiert,
was man wohl zum Essen und Trinken besorgen wolle.
Jeder brachte seine speziellen Wünsche ein. Am Schluss einigte man sich, dass man ein Menü zusammenstellen wolle, bei dem dann jeder seine Leibspeise besorgte.
Herr Sagerer erklärte, sich bereit, die Getränke zu kaufen. Jeder bekam seine Aufgabe zugeteilt, und einen Tag vor Weihnachten lagerte man die Spezialitäten im Kühlschrank und im Keller. Jetzt galt es, am Weihnachtstag noch den Christbaum aufzustellen und das Zimmer entsprechend zu schmücken.
Endlich war es soweit. Es war auch höchste Zeit, denn es war schon 19:00 Uhr.
Jeder ging noch schnell auf sein Zimmer und zog stolz die neue Kleidung a.
Da saßen sie dann um den Tisch herum und begannen mit dem Festessen.
Man schaltete den neuen Fernseher an, legte eine CD in den Musikturm,
starrte bald gebannt auf den Bildschirm oder lauschten der Stereomusik.
Wirklich das Feinste vom Feinen hatten sie besorgt, Genüsse in Hülle und Fülle.
Ein wirklich schönes Fest, versicherten alle, bevor sie sich müde ins Bett legten.
Es war ihnen gar nicht mehr aufgefallen, dass der Besuch,
für den sie dieses Fest so lange vorbereitet hatten, gar nicht gekommen war.
Das heißt, Er, war eigentlich schon gekommen,
aber sie hatten vor lauter Feiern sein intensives Läuten an der Tür überhört.
Wünsche Allen noch schöne Feiertage und einen guten Rutsch ins 2009!