von fishpeter am 07.12.2002, 16:29
So, jetzt ist es soweit. Ihr wolltet es ja nicht anders. Jetzt kommt von mir die Geschichte von der Weihnachtsmaus:
Fröhliche Weihnachten
Die Weihnachtsmaus ist sonderbar
(Sogar für die Gelehrten),
denn einmal nur im ganzen Jahr,
entdeckt man ihre Fährten.
Mit Fallen oder Rattengift,
kann man die Maus nicht fangen.
Sie ist, was diesen Punkt betrifft,
noch nie ins Garn gegangen.
Das ganze Jahr macht diese Maus
Den Menschen keine Plage.
Doch plötzlich aus dem Loch heraus
kriecht sie am Weihnachtstage.
Zum Beispiel war vom Festgebäck,
das Mutter gut verborgen,
mit einemmal das Beste weg
am ersten Weihnachtsmorgen.
Da sagte jemand rundheraus:
"Ich hab es nicht genommen!"
Es war bestimmt die Weihnachtsmaus,
die über Nacht gekommen.
Ein andres Mal verschwand sogar
das Marzipan von Peter,
was seltsam und erstaunlich war,
denn niemand fand es später.
Der Christian rief rundheraus:
Ich hab es nicht genommen!
Es war bestimmt die Weihnachtsmaus
die über Nacht gekommen.
Ein drittes mal verschwand vom Baum,
an dem die Kugeln hingen,
ein Weihnachtsmann aus Eierschaum
nebst andren leckren Dingen.
Die Nelly sagte rundheraus:
Ich hab es nicht genommen!
Es war bestimmt die Weihnachtsmaus,
die über Nacht gekommen.
Und Ernst und Hans und der Papa,
die riefen: Welche Plage!
Die böse Maus ist wieder da,
und Just am Feiertage!
Nur Mutter sprach kein Klagewort.
Sie sagte unumwunden:
Sind erst die Süßigkeiten fort,
ist auch die Maus verschwunden.
Und wirklich wahr: die Maus blieb weg,
Sobald der Baum geleert war,
sobald das letzte Festgebäck
Gegessen und verzehrt war.
Sagt jemand nun, bei ihm zu Haus -
Bei Fränzchen oder Lieschen -
Da gäb es keine Weihnachtsmaus,
dann zweifle ich ein bißchen!
Doch sag ich nichts, was jemand kränkt!
Das könnte euch so passen!
Was man von Weihnachtsmäusen denkt,
Bleibt jedem Überlassen!
Und nun noch Franz - Theodors Rezept:
Franz Theodor schlenderte summend nach Hause. Er hatte der Versuchung widerstanden, im letzten Augenblick doch noch ein windschiefes Tännchen zu kaufen, und freute sich auf zu Hause. Endlich Ruhe! Er hatte ein Baguette unterm Arm und eine Flasche Rotwein in der Jackentasche.
Franz wiederholte die letzte Mozartkadenz pfeifend, während er die Wohnungstür aufschloss. Trautes Heim! Er legte das Baguette auf den Tisch und öffnete das Gefrierfach, aber als er den Rotwein hineinschieben wollte, schlitterte ihm ein eiskalter Rollmops entgegen. Franz stutzte und schob ihn mit spitzen Fingern zurück. Er mochte keinen Fisch.
Franz griff hinter die Yuccapalme und holte den Calvados heraus. Er setzte an und dach-te: Geschafft. Da ging das Telefon.
„Franz“, sagte die Stimme. „Junge. Du bist doch heute nicht allein?“ Franz stellte den Calvados lautlos ab. „Ja, Mutter“, sagte er. „Nein, Mutter. Ich habe hier...“ „Ich dachte, ich komme mal eben vorbei“, sagte die Stimme liebenswürdig. „Was hast du denn zu Essen im Haus?“ Franz massierte sich die Stirn. „Ich, äh.“ „Franz?“ „Äh, ja.“ „Ich bring dir schnell was vorbei." Franz zog die Unterlippe zwischen die Zähne. „Ich brauche eigentlich nichts. Ich habe Brot und...“ „Also, etwas Schönes zu Essen für dich und mich, mein Junge", sagte seine Mut-ter. Sie legte auf.
Beim nächsten Klingeln hatte Franz die Flasche immerhin entkorkt. „Ja?“ fragte er vorsichtig. Isa lächelte hörbar. „Franz, Schatz. Ich kann das nicht ertragen, dass du heute allein bist. Überall brennen die Kerzen am Baum, und nur du beißt in ein altes Baguette. Komm, lass uns für heute alles vergessen. Weißt du was, ich komme mit einem Döschen Krabben vorbei und dann ma-chen wir es uns richtig gemütlich.“ „Aber meine Mutter...“, hauchte Franz. Isas Stimme spuckte Glasscherben. „Deine Mutter lass heute mal aus dem Spiel. Und ein Fläschchen Schampus hast du ja wohl im Hause.“
Franz sank erschöpft in den Sessel neben der Palme. Dies war die letzte Gelegenheit. Er entkorkte die Flasche und trank hastig. Das Telefon ging „Franz, altes Haus. Niemand sollte am Weihnachtsabend allein sein. Ich übrigens auch nicht. Ich sag‘ dir was, ich klemme mich hinters Steuer und bin in einer halben Stunde da. Irgendein Trottel hat ges-tern eine Flasche Wermut hier stehen lassen, die bringe ich mit; vielleicht kann man das Zeug heißmachen.“
Franz wurde nachdenklich. Mutter, Isa, Paul. Das war besser als Mutter und Isa. Trotz-dem. Es klingelte. Franz griff nach dem Hörer wie in Trance, aber es klingelte weiter. Die Haustür. Ja, Mutter, ich komme schon.
Vier Augenpaare sahen ihn erwartungsvoll an. „Überraschung!“ schrieen die Kinder und hingen schon an seinen Armen. „Überraschung!“ sagten Ellen und Dieter herzlich ,und streckten ihre Hände aus. Franz starrte auf eine Tüte Nudeln, eine Tube Tomatenmark und ein Päckchen, das streng roch. „Du hast doch bestimmt nichts im Haus“, sagte Ellen sanft und Dieter klopfte auf seine Jackentasche, aus der ein Flaschenhals sah. „Alles paletti“, sagte er, „obwohl ich annehme, dass du weinmäßig keine Not leidest.“ Er zog die Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. Die Flasche ließ er in der Tasche.
Ellen ging in die Küche und fingerte ein paar Zwiebeln ihrer Handtasche. Dieter hatte die Calvadosflasche entdeckt und ging Gläser suchen. „Kein Baum, was?“ fragte er verständnisvoll. „Ist auch besser so.“ Sie tranken einen Schluck auf die Freundschaft.
Als Heiner anrief, rang Ellen in der Küche gerade mit Isa. Isa hatte beim Anblick des Tomatenmarks ihre Krabben wieder einstecken wollen, aber Ellen rief entrüstet: „Das ist doch eine wundervolle Vorspeise!“ „Ja, so war das auch gedacht“, erwiderte Isa spitz.
Es klingelte. Weil Franz ratlos umherblickte, hob Dieter den Hörer ab. „Ja, wir machen hier eine Mordsfete. Komm doch einfach vorbei. Und bring was zu Essen mit. Was? Nein, Parmesan ist da. Aber vielleicht hast du ein Bund Thymian im Haus?“ Franz sah erschöpft aus. „Prost“, sagte Dieter heiter. „Heiner fährt eben noch an der Tankstelle vorbei. Er meint, Sahne käm‘ immer gut."
Als Franz die Tür öffnete, stand ihm der Schweiß auf der Stirn. Die Frau draußen kam ihm irgendwie bekannt vor. „Ich dachte, hier ist vielleicht eine Fete?“ sagte sie tapfer und probierte ein verworfenes Lächeln. Bevor Franz blitzschnell die Tür zuwerfen konnte, hatte Dieter sich an ihm vorbei gedrängt und ihre Hände ergriffen. „Kommen Sie“, rief er, „kommen Sie rein!“ Er zog die Frau in den Flur. „Keiner soll Heiligabend vor der Tür stehen. Wie heißen Sie? Mögen Sie Spagetti Bolognese? Ja? Leider haben wir kein Gehacktes.“ Die Frau kicherte verschämt „Ich könnte mit einer Gurke aushelfen. Ich heiße Gertrude.“ Sie verschwand hinter der Nachbartür, und Dieter rief ihr nach: „Aber kommen Sie bestimmt wieder!“ Franz streckte abwehrend die Hände aus, aber es war zu spät. Mit der Gurke in der Hand wäre Gertrude fast mit einer stämmigen kleinen Frau im dunkelbraunen Wintermantel zusammengestoßen. „Ich habe nur schnell was fürs Essen rübergeholt“, sagte sie beinahe kokett. Die Frau musterte sie. „In welchem Verhältnis stehen Sie zu meinem Sohn, junge Frau?“ fragte sie streng. Gertrude errötete. „O, kein Verhältnis.“ Franz riss die Tür auf. „Mutter.“ Sie trug ein Huhn unter dem Arm. Franz schluckte. Gertrude wedelte beinahe übermütig mit der Gurke. „Ich kann auch Blaubeer-Creme", sagte sie, „aber dafür braucht man, glaube ich‘ Eier.“ „Ich habe Eier mitgebracht“, hörte Franz seine Mutter wie aus weiter Ferne sagen. Sie hatte den Mantel ausgezogen, unter dem sie einen Kittel trug. „Und Butter. Butter ist bestimmt auch nicht im Haus. Kommen Sie mal mit, junge Frau.“
In der Küche hatten Isa und Ellen den Chardonnay aufgemacht, den sie hinter der Zuckerdose gefunden hatten. Sie hatten Nudeln und Krabben beiseite geschoben und Isa hatte ihre Bluse aufgeknöpft, denn der Wein war sehr warm. Ellen sagte sanft, aber bestimmt, dass Spagetti mit Tomatensoße wirklich kein Essen für den heiligen Abend seien. Als sie anfing, das Rezept für Krabben in Weißwein zu erläutern, verließ Franz fluchtartig die Küche. Er suchte den Calvados. Die Flasche stand stand neben Dieters Sessel und war nur noch fünffingerbreit voll. „Wo bleibt denn Paul?“ fragte er aufgekratzt. „Ich denke, er wollte Wermut mitbringen?“ Franz fühlte sich überfordert.
Als Paul kam, versuchten Ellen und Gertrude gerade, mit einer Haarnadel den abgebrochenen Korken aus einer neuen Flasche zu pullen. Die grauhaarige Frau schwenkte ihre Kittelschürze, und Isa rief mit hochrotem Kopf: „Um Himmels Willen, Hedwig! Der gute Tropfen!“
Es war höchste Zeit, einzugreifen. Paul nahm der alten Dame freundlich die Schürze aus der Hand, trank Isas Glas leer und sagte: „Na, Mädels, wolln wir uns jetzt mal was Nettes zu beißen machen?“
Es war, als wäre der Weihnachtsmann endlich heimgekehrt. Isa küsste Hedwig, die Paul anfeuerte, das Huhn ordentlich mit Wermut zu begießen. Gertrude lockte die Kinder mit einem Päckchen Präservative aus dem Schlafzimmer, und sie bastelten wunderhübsche Fensterbilder aus den Bettfedern. Heiner zeigte Ellen, was man mit einem Becher Sahne von der Tankstelle alles anstellen kann, und Dieter schnarchte unter der Yucca. Nur bei Franz Theodor wollte sich die rechte Weihnachtsstimmung nicht einstellen.
„Fertig!“ rief Paul und wischte sich die Hände ab, und dann saßen sie alle um den Küchentisch. Es gab Gurkensuppe mit Krabben, Wermuthuhn und Blaubeercreme. Zum Schluss sangen alle „Stille Nacht“, und dann wurden sie auch still. Den Kindern fielen die Augen zu, Isas Kinn hing im Weinglas, und Gertrude versuchte stumm und mit zäher Geduld, ein Präservativ über ihr Weinglas zu ziehen. Heiner und Ellen kämpften unterm Tisch halbherzig mit einem Rest Sahne, und eigentlich waren nur Hedwig und Franz Theodor noch richtig wach. Da wusste sie, dass die Schlacht geschlagen war. „Gute Nacht, mein Junge“, sagte sie sanft und zog den dunkelbraunen Wintermantel an.
„Wie kommst du denn nach Hause?" hörte Franz sich zu seinem Entsetzen fragen, aber Paul stand schon neben ihr. „Gnädige Frau?!“ sagte er höflich und bot ihr den Arm, und als die beiden entschwebten, glaubte Franz, Rentierglöckchen zu hören.
Er erwachte im Sessel neben der Yuccapalme. Er war angezogen, ziemlich nüchtern und allein; das übertraf alle seine Erwartungen. Ein leises Glücksgefühl begann, sich in ihm auszubreiten. Hinter der Küchentür wankten Türme von Schüsseln, Tellern, Pfannen und leeren Flaschen. Das Glücksgefühl wuchs. Halluzinationen hatte er offenbar nicht. Er sah auf die Uhr. Halb zwei. Halbzeit gewissermaßen.
Franz Theodor ging zum Kühlschrank und öffnete das Gefrierfach. „Fröhliche Weih-nachten“, sagte er zu dem eiskalten Rollmops, bevor er ihn wieder zurückschob. Dann reckte er sich, pfiff mühelos eine wunderschöne Kadenz und ging hinüber zum Gummi-baum. Darunter stand eine nagelneue Flasche Cognac. Der Weihnachtmann musste sie dahin gestellt haben.
Natürlich hat Ellen recht - Spagetti mit Tomatensoße ist wirklich kein anständiges Essen für den Heiligen Abend. Der Weihnachtsmann in Gestalt von Paul schiebt deshalb den ganzen Nudelkrempel beiseite und kocht ein erstklassiges Menü aus den Zutaten, die die Gäste mitgebracht haben.
Der erste Gang besteht aus Gurkensuppe. Eigentlich gehört frischer Lachs hinein, aber weil Isa nur ein Döschen Krabben mitgebracht hat, muss es auch damit gehen. Viel delikater wird die Suppe, wenn man frischen, also rohen, in feinste Streifen ge-schnittenen Lachs hineingibt.
Wir rechnen statt mit zehn mit vier Personen und brauchen zwei Schlangengurken. Die werden geschält und halbiert; die Kerne herauskratzen und das Fruchtfleisch in kleine
Stücke schneiden. Zwei Schalotten würfeln und in Butter glasig dünsten, die Gurkenstücke dazugeben und mit einem Liter Hühnerbrühe weichkochen. Das Ganze wird püriert, mit 100 ml süßer Sahne, Pfeffer, Salz, Dill und zwei Esslöffeln Zitronensaft abgeschmeckt und unmittelbar -aber wirklich UNMITTELBAR! - vor dem Servieren werden die Lachsstückchen dazugegeben. Umrühren und fertig.
Das Hauptgericht ist Pauls fantastisches Wermut-Huhn. Eine Poularde wird in handliche Happen geschnitten, mit Salz, Pfeffer und Paprikapulver gewürzt und in der Pfanne angebraten. Wenn alles schön braun ist, trockenen Wermut angießen - aber nicht so zaghaft! 200 ml dürfen es sein. Ein halbes Bund Thymian dazugeben und die Pfanne auf den
Boden des vorgeheizten Backofens stellen, wo alles 10 Minuten bei 225 Grad schmoren muss.
Weiter: Zwei Tomaten häu-ten, entkernen und zerschneiden, zusammen mit ein, zwei Knoblauchzehen in die Soße geben. Weitere 30 Minuten schmoren. Jetzt nochmal Power: auf 250 Grad schalten, die Pfanne auf die zweite Leiste von oben schieben, 150 ml süße Sahne angießen und 10 Minuten brodeln lassen. Vor dem Servieren die andere Hälfte Thymian dazugeben. Ein Baguette werden Sie ja wohl im Haus haben.
Zum Nachtisch gibt es Blaubeercreme - die wäre allerdings nie so schnell fertigge-worden, hätte nicht Paul Weihnachtsmann eingegriffen. Zumal natürlich niemand an Ge-latine gedacht hatte (oder vielleicht doch? Hedwig ...? Bei der weiß man nie.)
Erdenmenschen müssen am Tag vorher drei Blatt weiße und drei Blatt rote Gelatine in kaltem Wasser einweichen. 375 g Blaubeeren auf einem Sieb abtropfen lassen. Ein paar Beeren beiseite steilen, den Rest mit 50 g Puderzucker und zwei Esslöffeln Zitronensaft pürieren. Gelatine tropfnass bei milder Hitze auflösen und unter das Beerenmus rühren. Drei Eigelb mit etwas Wasser und 50 g Puderzucker schaumig schlagen, ebenfalls dazu geben, kühl steilen. ¼ 1 Sahne steif schlagen. Wenn die Blaubeermasse anfängt zu stocken, Sahne unterziehen. Die Creme über Nacht kaltstellen. Vor dem Stürzen die Schüssel kurz in heißes Wasser tauchen. Mit Beeren und Sahne dekorieren.
Das müsste für ein gutes Weihnachtsessen reichen. bis bald
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bis bald und ein langes MMMMHHHHHH
Euer fishpeter
<font size=-1>[ Diese Nachricht wurde geändert von: fishpeter am 2002-12-07 16:45 ]</font>