Diese Geschichte ist mir Gott sei Dank nicht selbst passiert, aber süß ist sie trotzdem:
Mama, was ist eine Nutte?
Es passiert immer dann, wenn es kein normaler Mensch erwartet. Und es passiert überall: im vollbesetzten Fahrstuhl, in der morgendlichen U-Bahn oder im prallgefüllten Zug.
Die U-Bahn war tatsächlich vollbesetzt, als der siebenjährige Yannick mit überlauter Stimme unüber-hörbar fragt:" Mama, was ist denn eine Nutte?"
Während die Gefragte in den Gesichtern der Mitreisenden jene Mischung aus Schadenfreude und Neugier entdeckt, die auch eine sturmerprobte Mutter leicht kentern lässt, versucht sie Zeit für eine Antwort zu gewinnen.
„Warum willst du denn das wissen?" fragt sie zurück. „Weil der Stefan das immer der Svenja nachruft." sagt Yannick und fragt mit glänzenden Augen weiter:
„Ist das was richtig Gemeines, so wie Arschficker?" Sie glaubt, auf einmal eine gewisse Röte in ihrem Gesicht zu spüren. Vorsichtig, weil niemand weiß, wie sich ein Gespräch mit einem Siebenjährigen in der U-Bahn noch entwickeln kann, beginnt sie: "Also, was richtig Böses ist das eigentlich nicht. Aber man sagt es trotzdem nicht zu einer Mitschülerin. Nutte nennt man nämlich eine Frau, die Geld dafür verlangt, dass sie mit Männern schläft."
Sie konnte ja nicht ahnen, dass ein mit den Gesetzen der Marktwirtschaft vertrauter Siebenjähriger ihr das nicht abkaufen würde.
„Die kriegt Geld nur für's Pennen? Das glaub ich nicht!" entgegnet Yannick auch prompt. „Wenn die Simone bei mir übernachten darf, muss ich ihr doch auch nichts geben und sie bringt sogar noch Gummidinos mit. Bezahlt Papa dir auch was?" Nur mühsam kann sich das Paar gegenüber das Lachen verbeißen. Sie wartet darauf, dass sich der Boden öffnet und sie mit ihrem Sohn verschluckt. Vergeblich! Oder dass die U-Bahn mit Schallgeschwindigkeit ihren Zielbahnhof erreicht. Umsonst! Bis zum Aussteigen sind es noch zehn Minuten und Yannick bleibt unerbittlich beim Thema. „Irgendetwas muss schlimm sein an der Nutte," sinniert er laut. „Der Stefan sagt nämlich nur schlimme Sachen - außerdem hat er einen Verweis gekriegt und den gibt's nicht für Arschloch oder sowas." Aha, denkt sie, die einmal für ein ordinäres „Scheiße" für eine Stunde in der Ecke stehen musste. Ob die Zeiten sich geändert haben?
„Hat eure Lehrerin euch denn nicht erklärt, warum man ein Mädchen nicht Nutte nennen darf?" „Nö," meint Yannick, „die hat nur gesagt, dass sie das nicht mehr hören will."
Offenbar haben sich die Pädagogen seit ihrer Schulzeit nicht geändert. Sie nimmt einen neuen Anlauf: "Eine Nutte heißt eigentlich richtig Prostituierte und natürlich wird sie nicht für's Schlafen bezahlt, sondern dafür, dass sie mit Männern Sex macht." Yannick hat sofort verstanden. „Die dürfen den Penis in die Scheide stecken und das kostet Geld. Wie viel?"
Yannick und der Mann gegenüber schauen sie erwartungsvoll an. Sie möchte sagen: das verstehst du noch nicht. Doch sie kämpft die Versuchung nieder. „Das ist ganz verschieden - ich schätze so zwischen fünfzig und fünfhundert Mark." „Geil!!!" staunt Yannick. „So viel. Mama, was verdienst du denn im Büro?" Sie ringt um Fassung.
„Das kann man doch gar nicht vergleichen," sagt sie bemüht trocken. „Ich arbeite gern und freiwillig. Prostituierte dagegen verkaufen ihren Körper, weil sie das Geld brauchen und das macht ihnen überhaupt keinen Spaß. Sex hat man nämlich nur mit jemandem, den man liebt. Und dafür nimmt man kein Geld, weil..."
Yannick ist mit seinen siebenjährigen Gedanken jedoch schon woanders. „Ich hab' doch gewusst, dass der Stefan total doof ist," sinniert er laut. „Die Svenja kann überhaupt keine Nutte sein."
„Stimmt genau!" stimmt sie ihm zu. Froh, dass die Diskussion einen anderen Verlauf bekommt. „Schließlich ist Svenja noch ein kleines Mädchen und kleine Mädchen ..." „Das meine ich doch gar nicht," wird sie unterbrochen. „Wenn Svenja eine Nutte wäre, dann wäre sie doch reich. Aber letzte Woche hat sie sich fünfzig Pfennig von mir geliehen - und bis heute noch nicht zurückgezahlt!"
josy
